
Die Kunst des Schwimmens in Flüssen und Seen und auch das Wettschwimmen waren seit Karls des Grossen Zeiten, der ein trefflicher Schwimmer war, allgemein üblich. Das Schwimmen gehörte später sogar zu den ritterlichen Künsten, und wir finden eine Reihe Nachrichten vom 14. Jahrhundert an, welche uns darüber berichten. Das Baden im kalten Wasser und das damit verbundene Schwimmen wurde nicht nur zum Vergnügen, sondern als körperliches Erziehungsmittel der Jugend, zur Verhütung der Verweichlichung und zur Abhärtung, betrachtet. Dies galt bis ins 18. Jahrhundert. Nachher ist ein Rückgang in der Schwimmkunst festzustellen.
Das Schwimmen war an Seen und Flüsse gebunden, also nur den Bewohnern des Unterlandes geläufig, nicht aber den Gebirgsbewohnern. Da jedoch das Schwimmen auch bei der kriegerischen Tätigkeit eine grosse Rolle spielte, haben sich wohl die alten Eidgenossen auch in dieser Kunst ausgebildet. Verschiedene kriegerische Ereignisse des 15. und 16. Jahrhunderts geben davon Kenntnis. Vom Schwimmen im täglichen Leben und von der Schwimmkunst wissen wir aus den Geschichtsquellen dieser Zeit nur wenig.
Die frühesten Belege stammen aus Zürich. Aus einem Mandat der Zürcher Regierung von 1525 über die Auswüchse des Schwimmens erfahren wir, dass «Jungen und Alten verboten wurde, «uf die räder beider bruggen zu stigen und darab zu springen; dessglichen, dass keiner hinfür mer, so er badet, ein sälich unwesenlich geschrei und brüelen Jüre, als dann bishar beschechen ist». Die oben genannten Räder gehörten zu einem Schöpfwasserwerk, welches auf den Brücken befindliche Brunnen speiste.
Der Berner Nikolaus Wynmann schilderte in einem 1538 veröffentlichten lateinischen Gespräch über die Schwimmkunst das Badeleben in Zürich, wo er als Schüler seine Studien begonnen hatte. Ausführlich wird dabei das Wettschwimmen der Zürcher Jugend behandelt, wobei das Umschwimmen der grossen steinernen Bildsäule des hl. Nikolaus im See beim Zürichhorn eine Rolle spielte. Erwähnt wird das Herabschwimmen einer ganzen Knabenschar durch das Wassertor im Grendel in die Limmat. Das Wettschwimmen war damals in Zürich eine selbstverständliche Kunst. Wir erfahren auch vom Kopfsprung, von der Wasserkirche aus und vom Helmhaus, und es wird erwähnt, dass man auch in Basel und in Konstanz in Fluss und See sprang. Der Geschichtsschreiber Josias Simler berichtet in seinem «Regiment gemeiner löblicher Eidgnoschafft» (Zürich 1576): « Darzu acht ich, das nit ein volck in der christenheit funden werde, weliches sich also übe mit schwümmen, also dass sy über die grossen See, deren vil in dem land sind, auch mächtige und starcke rünnende wasser leychtlich schwümmen, etwan hochinab in die wasser springen». Dieser Wassersport wurde auch durch die folgenden Zeiten besonders in Zürich ausgiebig betrieben, wie die folgende Schilderung uns zeigt, welche einer «Beschreibung des Zürich-Sees» durch Hans Erhard Escher (1692) entnommen ist. Text lesen >>
Diese drohenden, übrigens problematischen Altersgebresten werden Zürichs Jungmannschaft, damals wie heute, kaum abgehalten haben, ihre Wasserkünste zu produzieren. Es handelt sich hier um einen regelrechten Sportbetrieb. Ohne lange Uebung liessen sich solche waghalsigen Schwimmstückchen nicht ausführen. Von Feldmeilen nach Horgen hinüber zu schwimmen ist eine tüchtige Leistung. Die Ueberquerung des Sees ausserhalb der Stadt und den damaligen Schanzen, also etwa von der Höhe von Stadelhofen in der Richtung nach der Enge, brauchte längere Zeit als heute, da die Ufer viel weiter zurück lagen.
Die Sitte der Wasserspiele der Jugend bei der oberen Brücke, der heutigen Fraumünsterbrücke in Zürich, ist übrigens auch anderwärts belegt. Die frühere hölzerne Brücke, respektive ein Steg, reichte tiefer zum Wasserspiegel herunter als heute. Das alte, 1791 abgebrochene Helmhaus bestand aus einem Holzbau mit einem mehrere Stockwerke hohen Dach (Helm), das bis zu einer Halle im Erdgeschoss reichte; man konnte also von dort aus verschiedener Höhe herunterspringen. Aus diesen Schilderungen ersehen wir, dass die Zürcher Jungmannschaft schon damals im Schwimmen ein respektables Können aufwies.
Ähnliche Leistungen, auch wenn darüber nichts berichtet wird, dürfen wir auch in anderen Gegenden der Schweiz, die an Seen und Flüssen lagen, annehmen.
Das 18. Jahrhundert war der Entfaltung des Schwimmsportes infolge der damaligen Weltanschauung wenig günstig, und erst in Verbindung mit dem Aufkommen des Turnens im folgenden Zeitraum entwickelte er sich zur heutigen Bedeutung.
Quelle: Von Dr. E. A. Gessler, Ausschnitt aus dem Buch "Stadion Schweiz – Turnen, Sport und Spiel" erschienen 1945 im Verlag M.S. Metz in Zürich