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Der Sand Bläsi
Seegemeinden an der Goldküste

DER SAND BLÄSI

Es muss im achtzehnten Jahrhundert gewesen sein, als im Fischenthal gut leben war, weil die Handspinnerei reichlichen Verdienst brachte. Fleissige und Sparsame konnten ihre Strümpfe mit guten Batzen füllen. Man sagte, wenn einer einen Tag fleissig gearbeitet habe, so habe er eine Woche von dem Lohn leben können.

Zu jenen Zeiten ging das Gerücht um, dass in einem Lande weit weg ein reicher Mann mit Namen Sand Bläsi eine Spinnmaschine erfunden habe, welche vom Wasser getrieben werde. Diese Maschine spinne in vierzehn Tagen so viel, als alle Fischenthaler Spinner in einem Jahr. Zuerst wollte man dem Geschwätz kein Gehör schenken, und als die Fabrikanten die Löhne herunterdrückten, glaubte man, das täten sie nur, weil man den Spinnern die Löhne nicht gönnen möge. Aber bald genug hörten die Fischenthaler von Sand Bläsi mehr, als ihnen lieb war. Aus seiner mechanischen Spinnerei kam ein so feines Garn, wie es kein Handspinner fertig brachte; dazu war es viel, viel billiger. Die Löhne sanken und sanken, und es war kaum noch möglich, damit sein Auskommen zu finden.

Die Spinner hielten beim Sand Bläsi um Erbarmen an und liessen ihn bitten, nicht zuviele von diesen Maschinen aufzustellen. Aber statt dessen wurde die Not noch grösser. Es galt für die Fischenthaler als eine ausgemachte Sache, dass der Sand Bläsi mit dem Teufel einen Bund geschlossen habe. Man wollte seiner Kunst mit Zaubersprüchen begegnen und sagte solche an Kreuzwegen und um Mitternacht unter Haselstauden auf, damit sie besser wirken möchten.

Einmal bei einer Liechtstubete, als die Spinnräder schon beiseitegestellt worden waren und die Spinner zum Gebete niederknieten, geschah ein sonderbares Zeichen: Jedes Rad drehte sich von selbst einmal herum. Man hielt das für ein gewöhnliches Zeichengeben, weil es hiess, wenn jemand in der Nähe gestorben sei, mache sich der entfliehende Geist durch ein Zeichen bemerkbar. Aber tags darauf berichteten Spinner aus weiter Umgebung, das gleiche Zeichen beobachtet zu haben.

Bald darauf erfuhr man, dass der Sand Bläsi nun seinen Lohn erhalte. Der Herrgott sei selber über ihn zu Gericht gesessen und habe ihm befohlen, alles zu verkaufen und das Geld den armen Spinnern zu verteilen. Der vom Himmel Verurteilte war so reich, dass dreissig Rosse nötig waren, seinen Reichtum fortzuführen, und dreissig Rosse brauchte es auch, um ihn selber zu fahren, obschon er nur ein beindürres Männchen war, so schwer wogen seine Sünden. Auf jedem Rosse musste auch ein Fuhrmann sitzen, und das musste ein armer Spinner sein, sonst kam die Fuhre keinen Schritt weiter. Das Geld nahm zwar jeden Tag ab, aber je weniger davon war, desto schwerer wurde der Sand Bläsi.

Eines Morgens hiess es, er komme von Bauma her und werde bis am andern Abend im Lenzen ankommen. Richtig, um die Vesperzeit des andern Tages hörte man Geisselngeknall. Die Neugierigen rannten, das Wunder zu schauen, aber es war ein grausiges Wunder. Am gleichen Wagen zogen sechzig Pferde, und doch war da nichts drin als der Sand Bläsi, ein zusammengeschrumpftes, spindeldürres Männlein. Der Wagen war auf der langen Reise schon so manchmal geflickt worden, dass er vor lauter Flicken aus Eisen gefertigt zu sein schien. Das ganze Vermögen, das der Büsser noch ins Fischenthal brachte, bestand noch aus einigen Gulden. Ein armer Spinner trug sie nebenher.

Die Fuhr schob sich aber nur sehr langsam talauf, trotz des steten Antreibens und Geisselknallens. Als der Sand Bläsl im Lenzen einfuhr, schien bereits der Mond. Immer langsamer kam er von statten. Für das Geld, das noch vorhanden war, kauften die Fuhrleute Futter für die Pferde. Nun kam der seltsame Zug dem Rappengubel näher. Laut und deutlich hörte man von seinem Felsen das Echo widerhallen. Aber am Fusse dieses Berges angelangt, kam der Sand Bläsi nicht mehr vorwärts. Da ertönte eine schauerliche Stimme aus dem Wagen, die Fuhrleute sollen um Gottes Willen weiterfahren. Schon viele hatten Erbarmen mit dem Sünder und sie trieben die Pferde mit aller Macht an. Der Rappengubel warf ein höhnisches Echo zuriick. Der Wagen rührte sich nicht. Die grauenerregende Stimme des Sand Bläsi hielt nochmals bei den Fuhrleuten an, fortzukommen. Da schüttelte der Gubel seinen Kopf, dass ein haushoher Felsbrocken niederfiel und Mann und Wagen unter sich begrub.

Noch viele Jahre später hörte man in gewissen Nächten einen schweren Wagen durch die Töss hinauffahren, und wenn er beim Rappengubel anlangte, beganns im Berge zu rumpeln, wie wenn ein Bergsturz losbrechen wollte. Aber plötzlich war alles mäuschenstill.

Sagen aus dem Zürcher Oberland von K.W. Glaettli, 1951




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